Militärstandort bis 1945

In der Heimatstube Altwarp findet der Besucher eine Broschüre:
"Truppenübungsplatz der Wehrmacht Altwarp 1939 bis 1945", Autor: Herr Dietmar Materna. Nur aufmerksame Besucher finden in und um Altwarp eher durch Zufall noch rudimentäre Überbleibsel aus dieser Zeit.

Die Halbinsel wird Flakschießplatz

Das Fischerdorf Altwarp am Stettiner Haff hatte bereits eine lange Geschichte, bevor dieser  Idylle „hart am Wasser" zu Beginn des Jahres 1938 von der Wehrmacht entdeckt und letztendlich zum Truppenübungsplatz des Heeres auserkoren wurde. Seit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert fanden Sommerfrischler und Kunstsinnige diesen Ort weit ab vom Großstadtgetriebe als Gegenstück zwischen immer hektischer werdenden Verkehr verbunden mit deutlich wahrnehmender Luftverschmutzung und unerträglich erscheinender Geräuschbelästigung, gerade richtig zum Durchatmen und Entspannen.

Altwarp wird Luft-, Kur- und Erholungsort und für die Altwarper wird der aufkommende Tourismus neben Fischfang und Schifffahrt zur neuen Einnahmequelle. Die Verbindungswege über Wasser sind die sichersten. Reisedampfer aus Stettin und Fährschiffe bringen die Sommergäste, meist aus Berlin kommend, aus der gegenüber liegenden Kleinstadt Neuwarp (heute Polen) herüber. Die Wege in die Kreisstadt Ueckermünde und nach Luckow sind zu sandig für größere Touristenströme. So bleibt die Anzahl der Sommergäste bescheiden und ein Spaziergang zum Trendel mit Badespaß im flachen Wasser könnte schon der Höhepunkt des Aufenthaltes gewesen sein.

Die Kriegsvorbereitungen werden ab 1935 immer offensichtlicher. Aus der Reichswehr formiert sich die Wehrmacht neu. Zu den beiden Waffengattungen Heer und Marine kam neu die Luftwaffe hinzu. Aber was hatte das mit dem stillen Fischerdorf Altwarp zu tun?
Die Küstenlandschaft mit weitem unbewohntem Hinterland wurde insbesondere für die Flakartillerie interessant. Altwarp sollte Flak- Schießplatz werden. Die Aufstellung der Flakartillerie war in Deutschland laut Versailler Vertrag von 1919 verboten und erfolgte im Rahmen des Heeres zunächst geheim. Mit Beginn der offenen Aufrüstung wurde die Flakartillerie 1934  in die Luftwaffe überführt. Damit war die Luftwaffe für die Luftabwehr zuständig und verfügte auch über die Fla- Schulen und Ausbildungsplätze. Die in diesen Einheiten tätigen Angehörigen der Reichswehr/Heer wurden meistens von der Luftwaffe übernommen. Es sollte sich aber bald herausstellen, dass auch im Heer für die Truppenluftabwehr zwingend eigene Fla- Einheiten aufgestellt und entsprechend ausgebildet werden mussten.
Bei der Suche eines geeigneten Übungsplatzes im Ostseeraum kam die dafür zuständige 4. Abteilung des Generalstabes im Oberkommando des Heeres auf die Halbinsel im Stettiner Haff, die sie für das Scharf- und Übungsschießen und zur Errichtung der entsprechenden Einrichtungen für gut befand.

Die Halbinsel wurde militärisches Sperrgebiet. In einer Chronologie wird der Versuch unternommen, die wesentlichen Ereignisse und Zusammenhänge bei der Errichtung des Truppenübungsplatzes Altwarp mit seinen Folgen für die Einwohner darzustellen. In Form einer Spurensuche und Rekonstruktion soll die Dorfstruktur Altwarps um 1938 vor Übernahme durch die Wehrmacht, die Anlage der neu entstandenen Siedlung Altstadt nordlich Neuwarps und die Lage der Einrichtungen des Übungsplatzes veranschaulicht werden. Hier wurde aufgrund fehlender Dokumente auf die Erinnerungen von Zeitzeugen zurückgegriffen. Oft ließen sich erst dadurch die Reste baulicher Einrichtungen deuten und einordnen. Dieser Überblick kann aus genannten Gründen nicht vollständig und umfassend sein und ist mehr als ein Beitrag zur Dorfgeschichte Altwarps zu verstehen.

Altwarp zwischen 1938 und 1945

Altwarp verabschiedet sich von der zivilen Welt. Ein idyllisches Fischerdorf am Stettiner Haff mit jährlich mehr als fünfhundert Feriengästen wird Sperrgebiet. Der Schicksalsweg von Ortschaften, die ins Visier der Militärs geraten, sind oft dem Untergang geweiht, wie die Geschichte deutscher Truppenübungsplätze seit der Kaiserzeit verbunden gewesen ist.  Altwarp hatte sein eigenes unverwechselbares Schicksal. Viele reetgedeckte Fachwerkhäuser wurden Opfer militärischer Übungen und Baumaßnahmen der Wehrmacht. In die stattlichen Villen und Kapitänshäuser quartierten sich die Herren von Kommandantur, Standort- und Gutsverwaltung und besonderer militärischer Einheiten ein.
Die nur kurze Lebensdauer des Truppenübungsplatzes führte aber dazu, dass Altwarp in seiner wesentlichen Dorfstruktur erhalten blieb.

Ein besonderer Schicksalsschlag war die im Zuge der Entstehung des militärischen Sperrgebietes erfolgte Umsiedlung der Altwarper Bevölkerung in die umliegenden Ortschaften. Schwerpunkt bildeten dabei Neuwarp (Nowe Warpno, Polen) auf der gegenüber liegenden Uferseite und Altstadt (Podgornice), eine Siedlung nördlich von Neuwarp, die eigens für die Fischer neu errichtet wurde.

Mit Ende des Zweiten Weltkrieges verlief plötzlich eine Staatsgrenze zwischen Neuwarp und Altwarp. Das bedeutete, dass die bis dahin noch nicht geflüchtete Bevölkerung wieder umgesiedelt, zum Teil regelrecht vertrieben wurde. Die Altwarper kamen nicht zur Ruhe. Jetzt waren die Altwarper Häuser nicht mehr ihr Eigentum. Die einen zogen gleich weiter Richtung Westen, andere richteten sich in den neuen Eigentumsverhältnissen ein. Nur langsam fanden so alte und neue Altwarper auf ihrem idyllischen Flecken zueinander und werden hoffentlich das Dorf noch lange als zivile Gemeinde erhalten.

Altstadt von 1939 bis 1946

Ein Blick vom Altwarper Hafen zur anderen Uferseite verrät keine Besonderheiten. Schilfgürtel und bläulich schimmernder Wald. Wie müssen sich die Altwarper Fischer gefühlt haben, als sie wussten, dass sie ihren Ort verlassen sollen, um ihn einzutauschen gegen eine Neubausiedlung. Oder war die andere Uferseite sogar der Heimatverlust? Immerhin waren die neuen Häuser mit Nebengebäude auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet. Strom- und Wasserversorgung waren auf den neusten Stand. Zur Küchenausstattung gehörte ein Elektroherd. Der Weg in die Stadt war jetzt näher. Eine Badeanstalt und viel Wald gab es auch hier. Der Fischhandel ging ohnehin über Neuwarp. Man hatte weitere soziale Einrichtungen und eine feste Straße in die Stadt versprochen. Aber man war eben kein Neuwarper sondern ein Altwarper.

Die erzwungene Umsiedlung ist nach außen ein Vorgang, dahinter stehen viele Einzelschicksale. Die Fischer sind mit der Anlage des Hafens nicht zufrieden und der Schießbetrieb auf der anderen Seite schränkt ihre Fanggründe ein. Man richtet sich ein. Fischer sind Härte gewöhnt. In der Siedlung gibt es den Kaufmannsladen Schütz, Bäcker Löhn, Fischhändler Tuchscherer und die Ausflugsgasstätte Goets am Kirchhaken.

Die Kinder nehmen die neue Umgebung schnell an. Der große Obstgarten von Bauer Menzel wird einer der vielen Erkundungsorte. Weniger gut in Erinnerung blieben der Wiesen- und Waldweg zur Schule in die Stadt, je nach Wetterlage. Für ein Kind war das noch eine große Entfernung. Ab 1943 sieht man immer häufiger feindliche Flugzeuge. Sie fliegen in Staffeln Richtung Stettin und Pölitz. Langsam gewöhnt man sich dran, auch wenn sie die Boten des nahenden Krieges sind.  Im April 1945 trifft auch in Altstadt die sowjetische Armee mit ihren langen Stangen ein, auf der Suche nach vergrabenen Gegenständen. Wer bis dahin noch nicht Richtung Westen geflüchtet ist muss bleiben. Erst unter russischer dann unter polnischer Verwaltung, ab Oktober 1946 ist man jetzt in einem anderen Staat.

Die Grenze zwischen dem nunmehr polnischen Nowo Warpno und Altwarp läst sich nicht mehr einfach überwinden. Es kommt zu einigen dramatischen und tödlich endenden Übergriffen. Ab Februar 1946 beginnen die ersten Ausweisungen. Ist eine schriftliche Aufforderung an der Tür muss es auch schon schnell gehen. Wer nicht bis zur Aufforderung warten will, wählt die gefährliche Flucht über das Haff. In einer Nacht im April 1946 will man einer bevorstehenden Ausweisung zuvor kommen. Von Steinort geht es mit 12 Personen in einer kleinen Ruderjolle über das Half nach Altwarp. Nach der zweiten Umsiedlung wohnen die Altwarper wieder in Altwarp, wenn auch nicht in "ihren" Häusern. So ist und bleibt die achtjährige Altstadter Geschichte ein Teil der Altwarper Geschichte.


Ausführliche Informationen erhalten Sie  in der Broschüre "Truppenübungsplatz Altwarp"