Hagenshöhe

Die Heideleute von Babenhusen

Die Heideleute von Babenhusen, Egon von Kapher Düvelshusen = Altwarp?

... Hinter Hohenuhlenhorst aber beginnt die "Böse Wildnis" an einem Haff, dessen Wasser nicht süß und nicht salzig, dafür aber schmutzig ist, und in dieser "Wildnis" von Sand, Heide, Bruch und Unland liegt das Dorf Düwelshusen, ein Ort, den man nicht gern aufsucht, erstens, weil man schon beim Hinwege im Sande steckenbleibt, zweitens aber, weil man der Bevölkerung nicht gern begegnet. "Nach Düwelshusen beruft der Herr nicht", pflegte Pastor Kröger zu sagen, wenn davon die Rede war, dass Düwelshusen schon wieder mal seit zehn Jahren ohne Seelsorger sei, und wenn man davon sprach, dass Düwelshusen zwar eine Kirche, aber keinen Kirchturm habe, meinte Förster Brettschneider lächelnd, indem er den langen, grauen Bart strich, "den hemm’n se versapen, de Düwelshusener". Förster Bornemann aus Babenhusen aber meinte, das hätte eine eigene Bewandnis, und er würde die Geschichte schon erzählen, wenn sie wieder zum Kegelabend im "Roten Krug" zu Babenbollentin zusammenkämen – Förster Brettschneider, Pastor Kröger, Doktor Müller, Müller Hintze und er.
 
Als sie nun wieder, wie jeden Donnerstag, im "Roten Krug" zu Babenbollentin bei Köhm un Korn, Bier und Grog zusammensaßen, nachdem sie drei Stunden Kegel geschoben, dass die Gegend bullerte wie bei einem Gewitter, forderte Pastor Kröger den Babenhusener Förster auf, die Geschichte von Düwelshusen zu erzählen. Der ließ sich nicht lange nötigen, strich sich den borstigen Wachtmeisterschnauzbart glatt, nahm einen Zug aus dem vollen Glase und begann:
 
"Jawoll’n halwes Dusent Johr is’t woll her, orer woll noch’n poor hunnert Johr mihr, allens wier all farig, Land un See un Busch un Brook, un Menschen un Veeh, un de Stadt to Stralsund stünn all, un Stettin ook, un de Burg to Wollin un Wolgast un to Gützkow un Demmin, un de dütschen Dörper, wur de Nedderdütschen un de Hollandschen un de Friesen un de Flamen un Westfälinger jitzt sitten un wahnen deeden, un dat Land bebugten (bebauten) nah ehre Ort; blots hier am Haff un Achterwater herüm hockten noch entzelte Kaschuben un Wenden, un dat wieren, sacht de Öllervadders von unsen Kröger hier, as all denn sien Nam’ biseggen deht."
 
"Jawoll, ein halbes Tausend Jahre ist’s wohl her, oder wohl noch’n paar hundert Jahre mehr, alles war fertig, Land und See und Busch und Bruch, und Menschen und Vieh, und die Stadt zu Stralsund stand, und Stettin auch, und de Burg zu Wollin und Wolgast und zu Gützkow und Demmin, und die deutschen Dörfer, wo die Niederdeutschen und die Holländer und die Friesen und die Flamen und Westfalen jetzt sitzen und wohnen täten, und das Land bebauten nach ihrer Art; bloß hier am Haff und Achterwasser herum hockten noch einzelne Kaschuben und Wenden, und das waren, sacht der Großvater von unseren Kröger hier, as all denn sien Nam’ biseggen deht."
 
"Oho, oho!" rief Vater Rupnow hinter seiner Theke hervor, und Bauer Tetzlaff aus Trampow, der gerade mit Fleischermeister Retzlaff aus Siedenmöllenthin ein Geschäft gemacht hatte und es nun mit Bier und Branntwein begoß, protestierte. Aber weniger der Kassuben wegen, sondern wegen Düwelshusen, denn seine Familie stammte daher, und der Bauer hatte nach Trampow eingeheiratet, weswegen man ihn auch nur den Haffdüwel nannte.
Aber der Förster fuhr unbeirrt fort: "Schön dat wier nu so an däm. As de leewe Herrgott seeg, dat dor an Haff un Dün noch’n lerrigen witten Placken wier, wur noch der wendsche Fischerslüd mit Frugens un Kinner in ehre lütten Katen läwten – dat heet, mierstendeels wieren set tu fuul to’n Fischen, un läwten leewer von Rowen un Stählen un von Strandgood, un up ganz Usedom wier keeneen (nicht einer) säker för ehr – dor, so meent de Herrgott, wier dat an de Tied, dat ook dit Land würr mit richtige dütsche Minschen.
 
Aber der Förster fuhr unbeirrt fort: "Schön das war nun so an dem. Als der liebe Herrgott sagt, das dort am Haff und Düne noch’n leeren weißer Flecken war, wo noch die wendschen Fischersleute mit Frauen und Kindern in ihren kleinen Katen lebten – das heißt, meistenteils waren sie zu faul zum Fischen, und lebten lieber von Rauben und Stehlen und von Strandgut, und auf ganz Usedom war nicht einer sicher vor ihnen – da, so meint der Herrgott, war das an der Zeit, das auch dieses Land wird mit richtigen deutschen Menschen.
 
Äwer all de Erzengels un de Hilligen, de wohrschugten (warnten), un meenten: dit wier keen Land för Kurnbugen un vör Veehtucht, door sulln doch man de Seezigeuners un de Taters (Zigeuner) blieben. Un wassen deet dor gorniks nich up de witten Sanddünen, un alleen von Seerow (Seeraub) un von Stint un Plötz läben, dat wier niks för de Dütschen. – Un wildreß (während) se noch so rädten, dor keem de Düwel an, Seine höllische Pestilenz; de harr grad Utgahdag, un harr sick sienen sünndaghahmdagschen Utgahrock (Sonntagsnachmittagsausgehrock) antrocknen, un lange Büxen ook, weil dathe sick schenieren deeh wägen sienen Pierfoot.
 
Aber all die Erzengel und die Heiligen, die warnten, und meinten: das wär kein Land fürs Kornbauen und für Viehzucht, dort solln doch man die Seezigeuner und die Zigeuner bleiben. Und wachsen tät dort gar nix nicht auf den weißen Sanddünen, und allein von Seeraub und von Stint und Plötz leben, das wird nix für die Deutschen. – Und während sie noch so redeten, da kam der Teufel an, seine höllische Pestilenz; der hatte gerade Ausgehtag, und hatte sich seinen Sonntagsnachmittagsausgehrock angezogen, und lange Büxen auch, weil er tat sich schenieren wegen seinen Pferdefuß.
 
So keem he ook an de Vördähl von’n Häben, un hürt denn Herrgott sein Verhanneln mit seine Erzengels mit an. Un he mengelt (mischte) sick in dat Gespräch un segt: "Ich hew doch noch een Dörp fri in Pommern!" un dorbi stök he seine Näs in denn Herrgott sienen groten blagen (blauen) Saal. Äwer dor gew dat furts’n Rumoren, un de Herrgott schrigt: "Wist du woll rut, du Düwel, verstänkerst mi all mien scheunen Timmers (Zimmer)" un schickt denn Erzengel Michael nah Köln, üm man fixing ne grote Buddeel "Kölsch Water" to halen. He rädt äwer liekerst wierer mit em, man blots dörch’t Finster, un seggt:"Wenn di dat tokümmt, denn man los, äwer recht wat, wat’t woll nich warrn, un dat srgg ick di, ne Kirch’ hürt dor ook mit to, un mirrn in’t Dörp möt se stahn!’ Den Düwel paßt so wat nich, un he trök’n scheewes Muul, äwer sin’n müßt he sick dorin, denn he wull ook in Pommern finen Nam to Geltung bringen. Un he kreeg alle Tegelbrenners up, de von Ducherow un de von Ückermünn, un all de Brettschnieders von Jatznick un von Riet, un bugt un bugt, un in’n knappn Vierteljohr, dor herr he sein Dörp farig, un’t seeg ook ganz nett ut, un ook’ ne Kirch wier dorin, man blots, se harr keenen Torm, denn dat kunn he nich äwer sick bring’n von wägen dat Krüz, wat dor up de Spitz sitten sull.
 
So kommt er auch an die Vördähl von’n Himmel, un hört denn Herrgott sein Verhandeln mit seinen Erzengeln mit an. Und er mischte sich in das Gespräch und sagt: "Ich hab doch noch ein Dorf frei in Pommern!" und dabei steckt er seine Nase in den Herrgott seinen großen blauen Saal. Aber dort gew dat furts’n Rumoren, und der Herrgott schrie: "Willst du wohl raus, du Teufel, verstänkerst mir all mein schönes Zimmer" und schickt den Erzengel Michael nach Köln, um man fix ne große Buddel "Kölsch Wasser" zu holen. Er rädt aber trotzdem wierer mit em, man bloß durchs Fenster, und sagt: "Wenn dir das zu kommt, denn man los, äwer recht wat, wat’t woll nich warrn, und das sag ich dir, ne Kirche gehört auch mit dazu, und mitten in Dorf muß sie stehn!" Den Teufel paßt so was nich, und er zieht ein schiefes Maul, äwer sin’n müßt he sick darin, denn er will auch in Pommern seinen Namen zur Geltung bringen. Und er kriegt alle Ziegelbrenner auf, die von Ducherow und die von Ückermünde, und all die Brettschneiders von Jatznick und von Rieht, und baut und baut, und in’n knappn Vierteljohr, da hat er sein Dorf fertig, und sieht auch ganz nett aus, auch ne Kirche war darin, bloß, sie hatte keinen Turm, denn das kann er nicht über sich bringen von wegen das Kreuz, was da auf der Spitze sitzen soll.
 
Un so bugt man blot’s ne lütt höltern Klockenhut mit een lütt bleckern Glock, un dat wier denn dat Dörp ‚Düwelshusen’, un noch hütigen Dags, wenn sündags de Klock to Düwelshusen bimmeln deet, seggen se in de Nahwerschaft, de Düwelshusenschen häng’n woll denn letzten ihrlichen Minschen up, denn dat Gebimmel hürt sich bannig nah de Armsünnerglock an. Un denn schmitt ook woll een dat Wurt in: "In ganz Düwelshusen giwt dat keenen ihrlichen Spitzboben." Un denn argern sich de Düwelshusenschen, un känen doch nixnich gegen seggen, denn ihrliche Spitzboben wiern doch in de ganze Welt nich to fin’n."
 
Und so baut man blos ein kleines hölzernen Klockenhaus mit einer kleinen blechernen Glocke, und das wird dann das Dorf ‚Düwelshusen’, und noch heutigen Tags, wenn sonntags die Klock zu Düwelshusen bimmeln tät, sagen sie in der Nachbarschaft, die Düwelshusenschen hängen wohl denn letzten ehrlichen Menschen auf, denn das Gebimmel hört sich bannig nach der Armsünderglock an. Und denn schmitt ook woll een dat Wurt in: "In ganz Düwelshusen gibt dat keenen ehrlichen Spitzbuben." Un dann ärgern sich die Düwelshusenschen, und können doch nix dagegen sagen, denn ehrliche Spitzbuben sind doch in der ganze Welt nicht zu find’n."
 
Mitunter kommt auch ein Pastor nach Düwelshusen - aber, wie das eben in einem Düwelsdorf nicht anders sein kann: er hält’s nimmer lange dort aus und flüchtet in die Ferne. So kommt es, dass in Düwelshausen kein Kirchturm und meist auch kein Pastor ist. "Nach Düwelshausen beruft der Herr nich" sagte Pastor Kröger lachend. "
 
Äwer nu müßt de Düwel ook Minschen un Volk hebben in sein nieges Dörp, un dat wier nich so ganz licht, un lang nicht so licht as dat Bugen, denn mit’n Düwel wull sick keen ihrlich Christenmensch giern inlaten. Un so reist he denn rümmer äwert Land und langs denn Strand, un grep up, wat he kriegen künn in Mäklenborg un in Uckermark un in Pommern: Seeröwers un Strandröwers un Kaschuben un Waterpollacken, Zigeuners un Taters un allens, wat an de Wäg un an de Straten un in Busch un Brook herümmer lungern deeh", und siehe da: Düwelshusen gedieh, und sein Volk mehrte sich, und mehrere Branntweinbrennereien wurden reich an ihm, denn die Düwelshusener hatten immer Geld. Das das eigentlich Düwelsgeld war, merkte ja niemand, denn es sah ganz echt aus.
"Das ist also die Vorgeschichte von Düwelshusen", sagte Dr. Müller. Ja das ist sie. Als die große Sturmflut und das Seebeben war, dem die schöne Stadt Wollin und noch manch anderer Ort hier zum Opfer fielen, blieb Düwelshusen stehen, denn neun mal neunundneunzig Jahre hat sich der Satan als Schutzfrist ausgebeten und – auch bewilligt erhalten". So ergänzte Müller Hintze die Geschichte des Försters.
 
„Aber nun müßte der Teufel auch Menschen und Volk haben in seinen eigenen Dorf, und das war nicht so ganz leicht, und lange nicht so leicht als das Bauen, denn mit’n Teufel will sich kein ehrlicher Christenmensch gern einlassen. Und so reiste er denn rümmer übers Land und längs den Strand, und greift auf, was er kriegen kann in Mecklenburg und in der Uckermark und in Pommern: Seeräuber und Strandräuber und Kaschuben und Wasserpollacken, Zigeuners und Taters und alles, was an den Wegen und an den Straßen und in Busch und Bruch herum lungern tat", und siehe da: Düwelshusen gedieh, und sein Volk mehrte sich, und mehrere Branntweinbrennereien wurden reich an ihm, denn die Düwelshusener hatten immer Geld. Das das eigentlich Teufelsgeld war, merkte ja niemand, denn es sah ganz echt aus.
 
"Das ist also die Vorgeschichte von Düwelshusen", sagte Dr. Müller. Ja das ist sie. Als die große Sturmflut und das Seebeben war, dem die schöne Stadt Wollin und noch manch anderer Ort hier zum Opfer fielen, blieb Düwelshusen stehen, denn neun mal neunundneunzig Jahre hat sich der Satan als Schutzfrist ausgebeten und – auch bewilligt erhalten." So ergänzte Müller Hintze die Geschichtr des Försters. ...
 
... Wenn alte Männer – besonders aber Junggesellen – zusammen sind, mögen sie wohl ganz gern auch mal ein kleines bißchen klatschen und lästern. Und so kam es, dass Bornemann vom alten Gemeindeförster Kroppmann zu Düwelshusen erzählte, wie der in jungen Jahren im Frühjahr unter der Schar der Pflanzenarbeiterinnen gewirkt hätte wie der Gemeindebulle unter der Viehherde, dass in Düwelshusen kein Mensch wüßte, wer sein Vater sei, und alles so weit miteinander verwandt und verschwägert, dass mancher beihnahe ausrechnen könnte, er sei sein eigener Großvater und Schwiegeronkel zugleich. Nur was einer selbst sei, das sei noch keinem Düwelshusener gelungen auszurechnen und zu erkennen. ...
 
... aus: "Die Heideleute von Babenhusen", Heimatstube